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Der stetig zunehmende Sicherheitsbedarf im Grundstücksverkehr veranlasst immer mehr Bodenschutzbehörden dazu, den Aktenbestand über die in ihrem Zuständigkeitsbereich erfassten Altablagerungen und Altstandorte durch systematische Nacherhebungen zu ergänzen und in ein digitales Kataster bzw. Auskunftssystem zu überführen. Oft sind die aktuell vorhandenen Daten im Laufe der Zeit eher zufällig und sporadisch gesammelt und in Aktenform abgelegt worden, so dass

  • einerseits mit mehr oder weniger gravierenden Lücken im Gesamtbestand der erhobenen Altstandorte und Altablagerungen zu rechnen ist,

  • andererseits weder ein schneller Datenzugriff und noch eine effiziente Datenverwaltung möglich sind.

Die Entscheidung für die Durchführung einer flächendeckenden (Nach)erhebung lässt sich daher im Normalfall problemlos sachlich wie inhaltlich begründen, scheitert jedoch nicht selten an den hohen Kosten, sofern solche Untersuchungen nicht - wie z. B. in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und  Niedersachsen - durch öffentliche Mittel gefördert werden. Aber selbst dann, wenn der Kämmerer „grünes Licht“ gegeben hat, ist der Erfolg einer flächendeckenden Erhebung keineswegs von vornherein garantiert. So gibt es viele Details zu beachten, die die Zuverlässigkeit der Erhebungsbefunde und den Umgang mit den Katasterdaten beträchtlich beeinflussen können. Die wichtigsen Aspekte, die bei der Ausschreibung und Durchführung flächenhafter Erhebungen zu berücksichtigen sind, werden im Folgenden - basierend auf den Erfahrungen der MSP mit zahlreichen flächenhafter Erhebungen seit 1991 - erläutert und diskutiert.

 

Kerninhalte flächenhafter Erhebungen

 

Flächendeckende Erhebungen gehören wiestandortbezogene Erhebungen zum Themenkomplex der Erfassung und damit zum ersten und grundlegenden Verfahrensabschnitt der gestuften Altlastenbearbeitung, wie sie im BBodSchG und in der BBodSchV angelegt ist. Die Grenze zwischen standortbezogener und flächendeckender Erhebung ist fließend und weniger durch Unterschiede in den methodischen Ansätzen als vielmehr durch das im Einzelfall zu erzielende Erkenntnisniveau geprägt, das bei standortbezogenen Erhebungen in der Regel beträchtlich höher ist als bei flächendeckenden Untersuchungen. Bei flächendeckenden Untersuchungen kommt es eher darauf an, möglichst alle Altablagerungen und Altstandorte einer Gebietskörperschaft in einem Grunddatenbestand zu erheben, zu lokalisieren und GIS-technisch zu verwalten (Informationssysteme Altlasten). Standortbezogene Erhebungen zielen im Wesentlichen darauf ab, innerhalb eines Standortes Anlagen und Ablagerungen als Teilflächen zu erfassen, in einer großmaßstäbigen Karte darzustellen und die jeweiligen Kontaminationsrisiken fachlich zu beurteilen.

 

Weil es in beiden Fällen darum geht, historische Sachverhalte zu rekonstruieren, ähneln sich die Instrumente der Datenerfassung. Aktenrecherchen und multitemporale Kartierungen, also Karten- und Luftbildauswertungen, haben sich sowohl bei standortbezogenen als auch bei flächendeckenden Erhebungen als operationale Verfahrensansätze erwiesen. Der wesentliche Unterschied liegt in der Art der historischen Quellen, die für die Auswertung jeweils in Betracht kommen. Im Gegensatz zu standortbezogenen Erhebungen sind bei flächendeckenden Untersuchungen eher listenhaft geführte Verzeichnisse über Industrie und Gewerbe von Interesse, wie sie in Gewerberegistern, -verzeichnissen und -karteien oder Adressbüchern zu finden sind.

 

Die Methodik der flächendeckenden Erhebungen über Altablagerungen und Altstandorte ist ausführlich in verschiedenen landerspezifischen Arbeitshilfen erläutert, auf die an dieser Stelle verwiesen wird (z. B. MALBO 15 des LANUV in NRW oder der Alltlasten Leitfaden des LANU in Schleswig-Holstein). Die nachfolgende Grafik vermittelt einen Eindruck vom Ablauf der Untersuchung, die hohe Anforderungen nicht „nur“ an den Altlasten-Sachverstand des Gutachterteams stellt, sondern auch - und gerade - viel Erfahrung im Umgang mit Datenbanken voraussetzt. Nicht selten werden im Zuge der Erhebungen weit über 100.000 Datensätze angelegt, die nach bestimmten Kriterien sortiert, gefiltert und zusammengeführt werden müssen.

 


 

Um gezielt auf Daten zurückgreifen zu können, ist die Ergebnisaufbereitung in digitaler Form eines der wesentlichen Elemente der flächenhaften Erhebung. Die MSP hat ein einfaches Informationssystem entwickelt, das an die Bedürfnisse der Bodenschutzbehörden optimal angepasst ist. Informationen dazu unterInformationssysteme Altlasten.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der den praktischen Nutzen des Altlastenkatasters deutlich erhöht, bildet eine systematische Bewertung der Erfassungsergebnisse mit dem Ziel, eine Prioritätenliste für die weitere Bearbeitung der erfassteb Altstandorte und Altlablagerungen zu erstellen. Dazu informieren wir ausführlich unter dem Stichwort Erfassungsbewertung.

 

Ohne auf die Verfahrensschritte der flächenhaften Erfassung im Einzelnen näher einzugehen, sollen an dieser Stelle noch die aus der Praxis bekannten wichtigsten Problempunkte flächenhafter Erhebungen von Altstandorten und Altablagerungen angesprochen werden.

 

 

Problempunkt 1: Änderungen von Straßennamen

 

Ein gravierendes und unter Umständen zeitraubendes Problem bei der Erhebung und Lokalisierung von Altstandorten stellen Straßennamen- und Hausnummernänderungen dar. Solche Änderungen vollzogen sich vor allem im Gefolge von politischen Propagandamaßnahmen (Adolf-Hitler-Allee usw.) und Territorialreformen, wobei letztere im Kontext von Eingemeindungen vor allem häufige Namen wie Poststraße oder Hauptstraße betrafen. Um die in den Gewerbeverzeichnissen und/oder Adressbüchern ermittelten Standorte lokalisieren zu können, ist es zwingend erforderlich, auf ein Straßennamen-Änderungsverzeichnis zurückzugreifen. Während in seltenen Fällen - dann meistens von Stadtarchivaren erstellte - Änderungsverzeichnisse bereits existieren (s. Grafik unten), müssen in der Regel die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengetragen werden, um ein solches Änderungsverzeichnis selbst zu erarbeiten. Als Quellen für die Erstellung kommen z. B. Adressbücher in Frage, die zumindest vereinzelt Informationen und Erläuterungen zu Straßennamenänderungen enthalten.

 

 

 

Es ist allerdings oft unabdingbar, ergänzend auch eine synoptische Auswertung der verfügbaren Karten und Stadtpläne durchzuführen, um einen mehr oder weniger großen Teil der historischen Adressen zu „entschlüsseln“. Da aber insbesondere zu Hausnummernänderungen oft nur sehr spärliche Informationen vorliegen, gibt es immer einen Bestand an Adressen, der im Zuge der Lokalisierungsarbeiten keiner aktuellen Adresse zuzuordnen ist. Im Einzelfall ist hier praktisch nur mit Unterstützung des Katasteramtes eine Lokalisierung möglich, indem Flurbücher und historische Flurkarten ausgewertet werden.

 

 

Problempunkt 2: Auswahl der Erhebungskategorien

 

In der Praxis flächendeckender Erhebungen hat sich gezeigt, dass die zu erhebenden Altstandort- und Altablagerungskategorien von den individuellen Zielsetzungen der Bodenschutzbehörde geprägt sind und dementsprechend sehr stark differieren. Wo keine landeszentralen Regelungen (z. B. Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein) greifen, stellt sich zu Beginn der Untersuchung immer die Frage, welche Branchen bei der Erhebung von Altstandorten zu berücksichtigen sind. Häufige Vorgehensweisen sind:

(a)  Beschränkung auf Branchen, für deren Altstandorte nach der typischen früheren Grundstücksnutzung ein Altlastenverdacht naheliegt,

(b)  Zusätzlich: Aufnahme von Branchen, für die eine Altlastrelevanz nicht ausgeschlossen werden kann, zur Verifizierung aber weitere Informationen notwendig sind,

(c)  Differenzierung innerhalb der Kategorie (b) nach relevanten Betriebsgrößen und -formen.

 

Die Beschränkung auf (a) ist die kostengünstigste Alternative und dann zu empfehlen, wenn es der Bodenschutzbehörde in der Hauptsache um die in den Landesbodenschutzgesetzen verankerte Pflicht der Katasterführung und um die unmittelbare Gefahrenabwehr geht.

 

Die Variante (b), die (a) selbstverständlich mit einschließt, kann vor allem in industriell-gewerblich geprägten Räumen zu einer sehr hohen Fallzahl führen - mit entsprechenden Konsequenzen für die Kosten. Sinnvoll ist sie aber nicht zuletzt deswegen, weil sie mehr Sicherheit bietet und vor allem im Rahmen des Bauleitplanverfahrens und als Kleingewerbekataster auch für andere Planungsebenen relevante Daten liefert.

 

Die Variante (c) ist die komplizierteste und kostspieligste. Denn hier muss bereits im Rahmen der Erhebungsarbeiten - unter Umständen in mehreren Schritten - entschieden werden, ob ein Betrieb der Kategorie (b) aufgenommen wird oder nicht. Grundlage für die Einzelfallentscheidung sind verschiedene Indizien, die eine Altlastrelevanz - wenn nicht ausschließen, so doch plausibel - als unwahrscheinlich erachten lassen:

  • Betriebe, bei denen - zeitlich bedingt - keine Altlastrelevanz anzunehmen ist: z. B. Einzelhandel mit Brennstoffen vor 1950; Fuhrunternehmen/Speditionen sowie Wagenbauer vor 1920; Hoch, Brücken- und Tunnelbau, Tiefbau, Abdichtung gegen Wasser und Feuchtigkeit, Zimmerei und Ingenieurholzbau, Straßenbau, Schornstein-, Feuerungs- und Industrieofenbau, Fassadenreinigung vor 1920

  • Gewerbemeldungen mit einer Laufzeit unter einem Jahr

  • Betriebe, bei denen generell ein handwerklicher Maßstab bzw. ein irrelevanter Betriebstyp unterstellt werden kann: z. B. Lohnwebereien, Feldbrandziegeleien, Orthopädische Werkstätten / Schuhmacher, Sanitätshäuser, Optiker, Uhrmacher, Goldschmiede(atelier), Musikinstrumentenmacher, Klavierbauer, Fuger / Holz- und Bautenschützer, Hufschmiede, Töpfereien / Herstellung von Ziergegenständen, Sattler, Polsterer, Kleintransporte, Hauderer.

 

Auch bei der Erhebung von Altablagerungen sollte das Für und Wider der Aufnahme bestimmter Kategorien im Einzelfall diskutiert und festgelegt werden. Für die meisten der erhobenen Altablagerungen ist in der Regel nicht mehr bekannt als

  • die Lage,

  • die Größe,

  • die Mächtigkeit des abgelagerten Materials und

  • der ungefähre Nutzungszeitraum des Grundstücks als Ort der Behandlung, Lagerungen und/oder Ablagerung von Abfällen.

 

Dagegen ist die Art der behandelten, gelagerten oder abgelagerten Abfälle als potenziell wichtigstes Entscheidungskriterium für die Identifizierung einer Altablagerung als altlastverdächtige Fläche nur in Ausnahmefällen bekannt.

 

In Nordrhein-Westfalen wird ein Vorgehen empfohlen, das eine plausible Relevanzdifferenzierung der erhobenen Altablagerungen ermöglicht. So hat es sich als praktikabel erwiesen, die erhobenen Altablagerungen in drei Typen zu klassifizieren:

Typ A: Ablagerungen, bei denen die ursprüngliche Flächennutzung, ihre Entstehungsgeschichte oder die Umstände ihrer Zweckbestimmung Anhaltspunkte dafür liefern, dass auf ihnen solche Abfälle behandelt, gelagert oder abgelagert wurden, mit denen ein Kontaminationsrisiko verbunden ist (Abb. 2). Dazu zählen auch solche Ablagerungen, deren Herkunft und Zweckbestimmung nicht zu klären war.

Typ B: Ablagerungen, bei denen aufgrund ihrer Herkunft und Zweckbestimmung nur in seltenen Fällen ein Kontaminationsrisiko zu erwarten ist.

Typ C: Ablagerungen, bei denen aufgrund ihrer Herkunft und Zweckbestimmung ein Kontaminationsrisiko unwahrscheinlich ist.

 

Die folgende Übersicht zeigt, dass die erhobenen Altablagerungen je nach Typzugehörigkeit unterschiedlich erfasst werden.

 

 

Problempunkt 3: Plausibilitätsprüfungen im Rahmen der Alstandorterhebung

 

Auch nach Abschluss eines ersten Datenabgleichs existiert erfahrungsgemäß eine mehr oder weniger große Zahl von „Problemfällen“. Gründe hierfür sind insbesondere:

  • lückenhafte Informationen über Straßennamens- und Hausnummernänderungen;

  • geringe Verfügbarkeit historischer Stadtpläne mit Hausnummern;

  • Standorte, bei denen kein eindeutiger Bezug zu heutigen Adressen herstellbar ist;

  • Standorte mit Hausnummern, die einem Wohngebäude zuzuordnen sind.

 

Gerade der letzte Fall ist von hoher Bedeutung, weil er auch mengenmäßig schwer ins Gewicht fallen kann. Es ist bekannt, dass sich Adressbucheinträge und Gewerbemeldungen bis zu 30% auf den Wohnort des Gewerbetreibenden, d. h. bestenfalls auf eine Büronutzung beziehen. Eine der entscheidenden Aufgaben bei flächendeckenden Erhebungen ist deshalb die Reduktion der erfassten Daten auf die wirklich wichtigen Fälle, denn ansonsten würden sich im späteren Umgang mit den Katasterdaten zwangsläufig Zeitverzögerungen durch irrelevante Datensätze einstellen. Es müssen also Plausibilitätsprüfungen stattfinden, an deren Ende die Entscheidung über das Weiterführungen oder die Eliminierung „kritischer“ Datensätze steht. Dazu eignen sich in der Praxis flächendeckender Erhebungen folgende Kriterien:

  • Betriebszeit: Liegt der Beginn des Betriebes nach 1970, lässt sich aufgrund der erfahrungsgemäß hohen Aussagesicherheit der Adressangabe auf einen tatsächlichen Betriebsstandort schließen.

  • Erscheinungsbild in der DGK 5: Ist ein Wohnhaus, ggf. mit Garage erkennbar und beträgt die Grundstücksgröße max. ca. 1.000 qm, sind ferner keine größeren Anbauten, Schuppen oder Hallen zu sehen, so ist damit zu rechnen, dass sich die Adressangabe auf den Wohnsitz bezieht.

  • Branche: Es gibt Branchen, die nur bei Vorhandensein entsprechender Produktionshallen als altlastrelevant anzusehen sind. Sind diese in der Deutschen Grundkarte nicht verzeichnet, ist von einer reinen Büronutzung oder Wohnadresse des Firmeninhabers auszugehen.

  • keine altlastrelevante Vor-/Folgenutzung. Sind durch andere Quellen altlastrelevante Vor- oder Folgenutzungen nicht belegt, liegt die Vermutung nahe, dass auch für den betrachteten Zeitraum keine altlastrelevante Nutzung stattfand.

 

Diese Plausibilitätsprüfungen erfolgen durch Auswertung großmaßstäbiger Karten und Pläne (DGK 5, Stadtpläne, Lagepläne). Lässt sich danach immer noch keine sichere Aussage treffen, empfiehlt sich die gezielte Auswertung von Bauakten und - für entsprechend geeignete Branchen - die Analyse von Luftbildern. In zahlreichen Fällen hat sich auch gezeigt, dass eine Standortbegehung inklusive Befragung in der Nachbarschaft entsprechenden Aufschluss geben kann.

 

 

 

Nutzen und Vorteile eines systematisch erarbeiteten Katasters

 

Auch wenn der Aufwand für eine sachgerecht durchgeführte flächendeckende Erhebung nicht zu unterschätzen ist, liegen die Vorteile klar auf der Hand:

  • Ein verbessertes Altlastenkataster schafft mehr Planungs- und Rechtssicherheit für Bürger und politische Entscheidungsträger und ganz besonders für die Verwaltung in den unterschiedlichsten Interessenbereichen, wie z.B. bei Bauleitplanungen, Baugenehmigungen, beim Grundstücksverkehr und bei anderen Auskünften.

  • Der verbesserte Informationsstand zu jeder erfassten Fläche und der schnelle Zugriff auf die Daten führen zu einer deutlichen Zeitersparnis für die Sachbearbeitung im jeweiligen Einzelfall.

  • Ein komplettes Kataster, das Planungen und deren Realisierung beschleunigt und effizientes Verwaltungshandeln ermöglicht, erleichtert Investitionen und dient damit mittelfristig der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation.

 


Literatur über "Flächenhafte Erfassung"

MARK, H. 1999: Altlastenkataster in Nordrhein-Westfalen - Nutzen, Anforderungen, Perspektiven. - In: Flächenrecycling/GeoProfi, 4/99, Essen, 18-21.

BAVAJ, I., DODT, J., HUDEC, B., MARK, H., MEINERS, H. G., SCHEWE, J. & WENNEMANN, J. 2002: Arbeitshilfe für flächendeckende Erhebungen über Altstandorte und Altablagerungen - Materialien zur Altlastensanierung und zum Bodenschutz, Bd. 15, Düsseldorf, 296 S.

MARK, H. 2005: Probleme und Lösungsansätze bei der Durchführung flächendeckender Erhebungen über Altstandorte und Altablagerungen. - In: altlasten spektrum, 3/05, Berlin, 156-161.



 

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