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Die MSP GmbH ist seit 2004 in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU e. V.) und dem Umweltbundesamt (UBA) mit Altlastenprojekten in Vietnam engagiert. Der Krieg und die koloniale Vergangenheit, aber auch die durch Improvisationen geprägte industrielle Entwicklung in den 1970er und 1980er Jahren haben in Vietnam beispiellose Umweltschäden hervorgerufen. Um diese Schäden zu erfassen und zu beseitigen, ist Vietnam auf Expertenhilfe von Außen angewiesen - und diese wird auch gern angenommen.

So hat sich in den letzten Jahren eine Kooperation zwischen Vietnam und Deutschland entwickelt, die von einem hohen Engagement auf beiden Seiten geprägt ist und bereits deutliche Erfolge zeigt.

 

 

Der politische Rahmen für die Altlastenbearbeitung in Vietnam

Vietnam hat in den letzten 15 Jahren ein starkes wirtschaftliches Wachstum erlebt. Dieses Wachstum wird begleitet von einem starken Bevölkerungswachstum, der Neuansiedlung von ausländischen Unternehmen aus der gewerblich-industriellen Produktion sowie einem Strukturwandel bei den bestehenden gewerblich-industriellen Betrieben. Dabei ist auch aus Gründen des Immissionsschutzes eine Neuansiedlung bzw. Verlagerung der gewerblich-industriellen Produktion in neu ausgewiesenen Industriezonen am Rand bzw. außerhalb des Siedlungsraums zu beobachten.

Durch die Neuansiedlung von Gewerbe und Industrie, das erhebliche Bevölkerungswachstum, den (auf bescheidenem Niveau) zunehmenden Wohlstand sowie die zunehmende Mobilität besteht ein starker Druck auf die „Fläche“.

Auf höchster politischer Ebene erklärter politischer Wille der vietnamesischen Regierung ist es, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz – anders als in China – möglichst frühzeitig in Einklang zu bringen und zu verhindern, dass früher oder später das Wirtschaftswachstum durch die volkswirtschaftlichen Kosten der Umweltzerstörung aufgefressen wird.

Dabei ist den politischen Verantwortlichen in Vietnam bewusst, dass Produktionsstandorte, deren Nutzungsgeschichte z. T. bis weit in die französische Kolonialzeit zurück reicht, erheblich mit Schadstoffen belastet sein können bzw. belastet sind.

Die Regierung Vietnams hat auch vor diesem Hintergrund im Jahr 2003 das Dekret Nr. 64 (QD-TTg v. 22.04.2003) verabschiedet, das den Zeitrahmen und die Prioritäten für die Bearbeitung kontaminierter Standorte festsetzt. Bis Ende 2002 wurden 4.295 Betriebe ermittelt, die als umweltrelevant erachtet werden. Bei diesen Betrieben handelt es sich im Wesentlichen um Staatsunternehmen, die ihre umweltgefährdende Produktionsweise schrittweise umstellen sollen bzw. um aus früheren Produktionen belastete und stillgelegte Flächen. Nach ersten Evaluationen zum Dekret 64 wird den verantwortlichen Umweltbehörden Vietnams immer deutlicher, dass die bereits erfassten Standorte nur die Spitze des Eisberges darstellen und sogar die Gefahr besteht, dass durch die Neuansiedlung potentiell oder tatsächlich umweltgefährdender Produktion in Vietnam der Problemdruck weiter vergrößert wird. Deshalb wurde das Regierungsdekret zunächst bis 2012 verlängert, um mehr Zeit für die Sanierung belasteter Flächen zu besitzen und vor allem die Phasen der Erhebung von Daten, die Gefährdungsabschätzung und die Auswahl geeigneter Sanierungstechnologien systematisch und in Abhängigkeit von Optionen der Nachnutzung angehen zu können. Um die Umweltgefahren einzudämmen und nicht zuletzt erhebliche wirtschaftliche Risiken zu begrenzen, wurde seitens der Regierung in Vietnam mit mehreren Programmen (u.a. Masterplan Umweltschutz in Vietnam bis 2020) festgesetzt, im Ausland gemachte einschlägige Erfahrungen im Umgang mit kontaminierten Flächen für den nationalen Umweltschutz zu verwerten.

Durch das Kennenlernen der deutschen Altlastenmethodik durch Mitarbeiter der Vietnamese Environmental Protection Agency (VEPA) während einer Studienreise nach Deutschland im Jahr 2003 wurde erkannt, dass eine erfolgreiche, d. h. eine ökonomisch tragfähige wie methodisch sachgerechte Sanierung der Standorte nur dann möglich ist, wenn eine systematische und schrittweise Bearbeitung erfolgt – so wie sie sich in Deutschland seit vielen Jahren bewährt hat. Erste und grundlegende Maßnahme war und ist die Erstellung eines Katasters sowie die damit verbundenen Erfassungsschritte. So wurde ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziertes Projekt initiiert, das den Aufbau eines Katasters sowie die Vermittlung der methodischen Vorgehensweise bei der Erfassung von kontaminierten Standorten in Vietnam zum Gegenstand hat (WA 0553 BmbF).

Die Bemühungen um eine wirkungsvolle und nachhaltige Umsetzung des Katasterprojektes mündeten in einem umfangreichen Maßnahmenpaket, das sich im Wesentlichen aus folgenden Komponenten zusammensetzt:

  • Entwicklung einer den vietnamesischen Rahmenbedingungen angepassten Datenbank zur Erhebung und Visualisierung der relevanten Umweltinformationen
  • Exemplarische Bearbeitung von charakteristischen Standorten
  • Durchführung regelmäßiger Schulungen und Fachkolloquia zum Thema Altlastenbearbeitung
  • Erstellung von fünf Leitfäden zur Methodik der Altlastenbearbeitung in Vietnamesisch und Englisch.


 

Parallel wurde und wird der Know-how-Transfer seit 2004 durch Workshops des Bundesumweltministeriums flankiert, so dass ein vertiefter fachlicher Erfahrungsaustausch zwischen Deutschland und Vietnam auf dem Sektor der Altlastenbearbeitung über das BMBF-Projekt hinaus ermöglicht wird.

 


 

Die genannten Bemühungen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwischen den technologischen Potenzialen zur Altlastenbehandlung und ihrer Umsetzung gravierende Unterschiede zwischen Deutschland und Vietnam bestehen. „Sanierung“ bedeutet im Verständnis der vietnamesischen Umweltbehörden oft „nur“ eine Reduktion von Schadstoffemissionen etwa durch den Einbau von Filtern oder den Betrieb von Kläranlagen. „Sanierungsmaßnahmen“ werden in der gegenwärtigen Praxis auch durch die (behördlich angeordnete) Verlagerung alter Produktionsstandorte in neue Industriezonen vollzogen.

 

Gerade infolge der letztgenannten Umsiedlungsvorgänge, die in Vietnam tatsächlich auf breiter Front stattfinden, entstehen vielerorts - nicht selten in Innenstadtlage - Brachflächen, die, ähnlich der Entwicklung in den 1960er bis 1980er Jahren in Deutschland, allgemein wegen vermuteter starker Kontaminationen auch unter wirtschaftlicher Betrachtungsweise als nicht nutzbare Flächen eingeschätzt werden. Soll die Flächeninanspruchnahme in Vietnam aber soweit wie möglich begtrenzt werden, ist eine umgehende Wiedereingliederung dieser Brachflächen in die Stadtwirtschaft unabdingbar. Gleichwohl fehlt es den für den Vollzug verantwortlichen vietnamesischen Behörden trotz teilweise vorhandener Grenzwerte für Hauptschadstoffe sowohl an der Problemwahrnehmung als auch am Know-how, Flächen vor ihrer Wiedernutzung auf ihre Unbedenklichkeit hin zu überprüfen und bei Gefahrenmomenten entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

 

 

Erstellung eines Katasters potenziell kontaminierter Flächen in Vietnam

 

Abweichend vom üblichen Verlauf wird bei der Erstellung des Katasters (potenziell) kontaminierter Flächen in Vietnam (zunächst) keine flächendeckende Erhebung im Sinne einer Ersterfassung von Betrieben und Ablagerungen/Deponien durchgeführt. Erfassungsgrundlage sind die bereits ermittelten 4.295 Betriebe, die von den zuständigen Behörden als grundsätzlich umweltrelevant erachtet werden.

Ebenfalls abweichend von der üblichen Praxis ist das in Vietnam anzustrebende Informationsniveau für den Einzelstandort. Im Normalfall enthält die Katasterinformation einen Grunddatenbestand, der zwar umfangreiche Entscheidungen bei der Verwaltungsarbeit zulässt, der aber insbesondere bei komplexen Standorten nicht ausreicht, um darauf basierend eine gezielte Untersuchung im Sinne einer Gefährdungsabschätzung zu planen. Deswegen müssen entsprechende „standortbezogene Erhebungen“ durchgeführt werden, die ein gegenüber flächendeckenden Erhebungen erweitertes Quellenspektrum umfassen, vor allem aber erheblich detaillierter die raumbezogenen Erhebungsbefunde in größeren Kartenmaßstäben wiedergeben und einer fachlichen Beurteilung im Hinblick auf spezifische Kontaminationsrisiken enthalten.

Die Erstellung eines Katasters potenziell kontaminierter Flächen („Altlastenkataster“) kann sich in Deutschland auf die Anwendung erprobter Verfahren und Informationsquellen wie Akten, Pläne, Karten, Luftbilder und Zeitzeugen stützen. Zwar weicht die Quellenlage von Kommune zu Kommune, von Kreisgebiet zu Kreisgebiet nicht selten mehr oder weniger deutlich voneinander ab; mit entsprechender Erfahrung und Sachverstand in der Ermittlung und Auswertung altlastrelevanter Quellen lassen sich aber im Regelfall die für das „Funktionieren“ eines Altlastenkatasters notwendigen Informationen erheben.

Diese günstigen Voraussetzungen sind in Vietnam a priori nicht vorhanden. Es liegen keinerlei Untersuchungen oder Erfahrungen mit historischen Recherchen vor. So ergab sich zunächst als wichtigstes Projektziel zu erforschen, welche Quellen in Vietnam verfügbar sind und ob es möglicherweise Komplementärquellen gibt, die Defizite zu kompensieren vermögen. Konkret war also die Frage zu beantworten, inwiefern sich die in Deutschland gemachten Erfahrungen mit der Eignung von Quellen für die Katastererstellung auf die Verhältnisse in Vietnam übertragen lassen.

Nach zwei Jahren Forschungsarbeit konnte das Fazit gezogen werden, dass alle wesentlichen Schritte der Erfassungstechnik auch in Vietnam erfolgreich durchgeführt werden können. Besonderheiten und Einschränkungen ergeben sich jedoch bei der Anwendung der Erfassungsmethoden insbesondere vor dem Hintergrund der vergleichsweise restriktiven und sehr bürokratischen Verwaltungsstrukturen:

  • Archive: Archive auf unterschiedlichen Ebenen gibt es auch in Vietnam. Bei Recherchen über Betriebs-/Lagepläne und andere erfassungsrelevante Dokumente (Produktionsabläufe, Unfälle etc.) ist in den Nationalarchivzentren in Hanoi und Saigon jedoch ein extrem hoher Zeitaufwand zu berücksichtigen. Findhilfen sind noch im Aufbau. Die Möglichkeiten der Vervielfältigung sind derzeit nur eingeschränkt nutzbar. In den behördlichen Altregistraturen und den Firmenarchiven der noch laufenden Betriebe sind relevante Archivalien oft nur mit mehr oder weniger aktuellem Bezug verfügbar. Firmenarchive bzw. die entsprechenden Bauplanabteilungen sind nicht-öffentlich und daher nicht immer zugänglich.
  • Geotopografische Quellen: Topografische Karten als Quelle für die Erfassung von Gebäuden und Anlagen sind - nicht wie etwa in Deutschland - multitemporal, also auf verschiedenen, den jeweiligen Fortführungsständen der Kartenwerke entsprechenden Zeitschnitten auswertbar, sondern - wenn überhaupt - nur in einer Ausgabe. Ähnliches gilt für Luftbilder: Zwar sind diese stereoskopisch auswertbar und stehen in mehreren Zeitschnitten zur Verfügung, decken aber (je nach Region) überwiegend nur die Zeit seit den 1970er Jahren ab.
  • Zeitzeugen: Erfahrungen wurden auch mit der Methode der Zeitzeugenbefragung gemacht. In allen Fällen wurden Gespräche mit der Führungsebene der jeweiligen Betriebe vermittelt, die durchaus standortkundig und auch weitgehend auskunftsbereit war. Versucht man aber, diese „Zeitzeugen“ nach den üblichen Standards in ihrer möglichen Bedeutung für die Informationsgewinnung einzuschätzen, so muss eingeräumt werden, dass sie nicht alle in gleichem Maße dem Anforderungsprofil des idealen Zeitzeugen entsprachen. Hauptgrund dafür ist, dass die Betriebsleitung im Rahmen der Gespräche mehr oder weniger deutlich das Ziel verfolgte, von der Liste des Dekrets 64 gestrichen zu werden. Es sollte der Eindruck entstehen, dass die bereits ergriffenen Maßnahmen zur Reduktion der Schadstoffemissionen für eine Eliminierung des jeweiligen Standortes von der Liste, die überwiegend als „Schande“ empfunden wird, ausreichen würden. In der Sache waren die Gespräche daher zum Teil wenig informativ.

 

Trotz dieser Einschränkungen war es in allen Fällen möglich, die Nutzungsgeschichte der Untersuchungsstandorte in einem Detailliertheitsgrad zu rekonstruieren, der ausreicht, um alle relevanten Nutzungen zu erheben, zu kartieren und die damit verbundenen Kontaminationsrisiken auszuweisen.

Unterstützt wurde das Spektrum der in Vietnam selbst verfügbaren Quellen durch verschiedene Informationsquellen, die vor allem aus Frankreich und den USA zu beziehen sind:

 

 

  • Die nationale Fotothek (IGN - Photothèque nationale in Saint-Mandé cedex) besitzt Aufnahmen, die ab 1921 vom Geografischen Dienst der Armee gemacht wurden, sowie Aufnahmen von Privatfirmen, die später zur Sammlung hinzugekommen sind. Die Schwarzweiß-Luftbilder der „mission indochine 25 au 1:40.000“ können beim IGN als Kontaktkopien bestellt werden.
  • Für die 1960er und 1970er Jahre können aus den USA Militärkarten im Maßstab 1:50.000 bezogen werden. Während des Vietnamkrieges wurden auf amerikanischer Seite in den 1960er und 1970er Jahren auch zahlreiche Luftbildaufnahmen gemacht. Diese sind allerdings (derzeit noch) nicht ohne weiteres verfügbar, weil bislang keine systematischen Findmittel zur gezielten Suche von Bildern existieren.

Die DV-technische Grundstruktur des Altlastenkatasters in Vietnam ist so angelegt, dass folgende Informationen enthalten bzw. abrufbar sind:

 

  • Räumliche Erfassung (Lage, Ausdehnung) sämtlicher umweltrelevanter Standorte (stillgelegte/laufende Betriebe, Deponien) und Darstellung auf Grundlage topographischer Kartenwerke,
  • Katasterdaten, wie Eigentümer, Adresse etc.
  • Fachliche Beurteilung der Kontaminationsrisiken
  • (Detaillierte) Karten der ehemaligen und aktuellen Anlagen, Gebäude und sonstigen Betriebseinrichtungen, Ablagerungen, Lagerplätze und deren Kontaminationsrisiken

 

Die rechnergestützte Umsetzung dieser Grundstruktur erfolgt derzeit unter Benutzung eines Geografischen Informationssystems und eines Datenbankprogramms. Zukünftig aber sollen den Anforderungen entsprechend komplexere Softwarelösungen implementiert werden, wobei das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW unterstützende Arbeit leisten wird.

Noch nicht endgültig entschieden ist die Frage, wie das Kataster in Vietnam organisiert und verwaltet wird. Favorisiert wird derzeit, dass die Erfassungsarbeit, also die Informationssammlung und Auswertung der Informationsquellen auf der Ebene der Provinzen erfolgen soll. Jede Provinz soll für ihr Kataster zuständig und verantwortlich sein, während die VEPA auf die Einhaltung der Erhebungsstandards achtet und in besonders komplexen Fällen Hilfestellung leistet (z. B. bei der Informationsbeschaffung oder bei der fachliche Beurteilung von Risiken. Auch die Planung weiterer Maßnahmen (Gefährdungsabschätzung, Sanierung etc.) soll mit der VEPA abgestimmt werden.